Nach der Scheidung: Das Leben geht weiter

Viele Paare empfinden den Einfluss einer Scheidung – ähnlich Soldaten während einer Schlacht – nicht unmittelbar. Erst im Nachhinein werden die vollen Auswirkungen sichtbar. Jede Scheidung unterscheidet sich von anderen, so wie jede Familie ihre eigenen spezifischen Probleme bewältigen und jeder Mensch glücklicherweise mit seinen individuellen Aufgaben zurecht kommen muss. Welche Situation nach einer Scheidung eintritt, hängt von den Umständen der Scheidung ab, dennoch gibt es einige übliche Kategorien, in denen sich die Effekte zusammenfassen lassen.

Das erste Dilemma, dem man sich stellen muss, ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen dem individuellen Leiden, das jeder einzelne ganz unterschiedlich für sich selbst durchmacht, und den allgemein bekannten Emotionen, die ein Resultat eines Bündels von chemischen Reaktionen unserer Nervenenden sind. Demnach will man zwar in Einsamkeit trauern, sich aber früher oder später wieder am Gemeinschaftsleben beteiligen.

Einsamkeit

“Einsam” und “alleine” sind zwei Seiten der selben Medaille: Wer einsam ist, ist unfreiwillig allein. Nach einer Scheidung ist der Fall noch komplizierter: Einerseits existiert der tiefe Schmerz über den Verlust des Partners, verbunden mit der Erleichterung über das Ende der akuten Trennungsphase; andererseits hält man sich gerne in der schützenden Schale der Einsamkeit auf. So unsensibel und barsch es auch klingen mag, nützen doch viele der frisch Geschiedenen den Mantel der Einsamkeit als Vorwand, keine neuen Chancen zu ergreifen. Man hat das Grundgefühl, dass alle Beziehungen vergänglich sind und sich die erneute Partnersuche nicht lohnt.

Einsamkeit ist zwar ein Käfig, aber trotzdem wollen nicht alle Vögel aus diesem Käfig fliehen, wenn die Türe auch einmal offen bleibt. Es ist normal, seinen Partner zu vermissen, und wenn die bisherige Ehe nicht gewalttätig war, vermisst jede/r seine/n Ex in den Tagen nach der Scheidung.

Schuld und Unsicherheit

Mit Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen verbringen die meisten frisch Geschiedenen einen großen Teil ihres Lebens. Schuld hat wahlweise der Partner, der/die Geliebte, der Stress in der Arbeit, die Kinder, Meinungsverschiedenheiten, die Politik oder selbst Gott – eine Liste ohne Ende. Betroffene belasten sich entweder mit Selbstvorwürfen und dem dazugehörigen Selbstmitleid oder versuchen, die Schuld auf andere zu schieben. Keins der beiden hilft dabei, das seelische Gleichgewicht wieder zu finden.

Sich selbst zu beobachten ist schon zu normalen Zeiten eine schwierige Aufgaben und in den Krisenzeiten nach einer Scheidung beinah unmöglich, so wichtig es auch sein kann.

Erlösung oder Trauer?

Die Umstände, unter denen ihre Scheidung stattfand, sind für manche Betroffene so bitter, dass sie das Ende als Erlösung empfinden. Auf der anderen Seite finden sich jene, die ihre Beziehung nicht aufgeben wollen und unter dem Trennungsschmerz leiden. Auch eine Mischform kommt vor: Gefühle der Erleichterung über die “Amputation” einer entzündeten Gliedmaße kämpfen mit der Trauer über den permanenten Verlust eines Teil des eigenen Lebens.

Denkt denn niemand an die Kinder?

Den stärksten Umbruch bedeutet es, plötzlich ein alleinerziehender Vater oder eine alleinerziehende Mutter zu werden. Die plötzliche Last der Verantwortung führt zu starkem finanziellen, physischem und emotionalen Druck. Man sollte darauf vorbereitet sein, sobald die Scheidungsverhandlungen beginnen. Erziehung, medizinische Fürsorge und andere finanzielle Verpflichtungen sollten zuallererst geklärt werden. Besuchsregelungen und Obsorgeverpflichtungen müssen ebenso abgesprochen werden.

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